Biodiversitätsmanagement |
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Biodiversity Stripes: Warum Biodiversität ein Kommunikations­problem hat

Verfasst von Sven Rückert
Biodiversity Stripes zeigen Verlust der Artenvielfalt, kombiniert mit Hinweis dass viele die Bedeutung nicht kennen

Mit Biodiversity Stripes die Biodiversitätskrise sichtbar machen

Biodiversity Stripes sind eine einfache visuelle Darstellung, die auf wissenschaftlichen Daten basiert und den Zustand der biologischen Vielfalt über die Zeit sichtbar macht. Der Farbverlauf von grün zu grau zeigt dabei den globalen Trend eines fortschreitenden Biodiversitätsverlusts.

Im Vergleich zum Klimawandel ist Biodiversität deutlich schwerer zu vermitteln. Während sich Temperaturanstiege klar in Grad Celsius ausdrücken lassen, fehlt für Biodiversität lange Zeit eine ähnlich eingängige Darstellung.

Die Gründe dafür sind strukturell:

Biodiversität ist komplex. Sie umfasst Artenvielfalt, genetische Vielfalt und Ökosysteme gleichzeitig. Veränderungen sind oft nicht linear, sondern verlaufen schleichend und lokal unterschiedlich. Zudem fehlt vielen Kennzahlen die intuitive Verständlichkeit. Ein Rückgang von Populationen oder ein Indexwert sagt für sich genommen wenig darüber aus, wie kritisch die Situation wirklich ist.

Hinzu kommt ein Wahrnehmungsproblem: Biodiversitätsverlust passiert selten abrupt. Arten verschwinden nicht von heute auf morgen, sondern werden schrittweise seltener. Diese schleichende Entwicklung bleibt im Alltag oft unsichtbar – und wird entsprechend unterschätzt.

Genau hier liegt das Kommunikationsproblem: Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig, aber ihre Vermittlung ist abstrakt, technisch und schwer zugänglich. Viele wissen zwar, dass es schlecht um die Biodiversität steht, aber nicht wie gravierend die Lage ist. 

Was sind Biodiversity Stripes?

Biodiversity Stripes setzen genau an dieser Stelle an. Sie ersetzen abstrakte Zahlen durch ein visuelles Muster, das unmittelbar verständlich ist. Die Biodiversitätsstreifen sind sozusagen das visuelle Pendant zu den bekannten Warming Stripes – nur dass sie nicht Temperaturen, sondern den Zustand der biologischen Vielfalt abbilden. Sie machen Entwicklungen von Artenpopulationen und Ökosystemen auf einen Blick sichtbar und übersetzen komplexe wissenschaftliche Daten in ein leicht verständliches Muster.

Die Grundlage bilden häufig Indizes wie der Living Planet Index. Aus diesen Daten entsteht eine Reihe farbiger Streifen, bei denen jeder Streifen für ein Jahr steht. Die Farbverläufe zeigen, wie sich die Biodiversität entwickelt hat: von stabilen oder gesunden Zuständen (grün) bis hin zu deutlichen Rückgängen (grau).

Was in Zahlenreihen oft abstrakt bleibt, wird dadurch unmittelbar greifbar: Mit Hilfe der Biodiversity Stripes werden die komplexen wissenschaftliche Erkenntnisse so aufbereitet, dass sie auch in der Gesellschaft und in Unternehmen wirksam eingesetzt werden können.

Auf dem Bild sieht man die globale Entwicklung der biologischen Vielfalt in Form von Biodiversity Stripes
Auf dem Bild sieht man die globale Entwicklung der biologischen Vielfalt in Form von Biodiversity Stripes

Woher stammen die Daten hinter Biodiversity Stripes?

Biodiversity Stripes basieren auf dem Living Planet Index (LPI) – einer der weltweit wichtigsten Kennzahlen zur Messung von Biodiversität. Der Living Planet Index misst den Zustand der globalen Biodiversität anhand von Populationsentwicklungen von Wirbeltieren (z. B. Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien).

Der LPI wird alle zwei Jahre im „Living Planet Report“ veröffentlicht (nächster Bericht voraussichtlich Herbst 2026) und dient international als wichtiger Referenzpunkt für Politik, Wissenschaft und Unternehmen. Er ist zudem in globale Rahmenwerke eingebunden – etwa als Indikator im Kontext der Biodiversitätsziele der Convention on Biological Diversity (CBD).

Methodisch wurde der Index im Laufe der Zeit ebenfalls weiterentwickelt, insbesondere hinsichtlich Datenverfügbarkeit, regionaler Repräsentativität und statistischer Robustheit. Dennoch bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Bestimmte Regionen und Arten sind

Was bedeutet der Sprung von grün auf grau?

Die erfassten Bestände sind seit 1970 im Durchschnitt um rund 73 % zurückgegangen. Wichtig ist dabei die richtige Einordnung dieser Zahl: Sie bedeutet nicht, dass 73 % der Arten ausgestorben sind. Vielmehr beschreibt der Index, dass die durchschnittliche Größe der beobachteten Tierpopulationen weltweit massiv abgenommen hat – viele Arten existieren weiterhin, jedoch in deutlich geringerer Anzahl

Doch genau darin liegt die eigentliche Dramatik dieser Entwicklung: Arten verschwinden nicht unbedingt sofort – sie werden leiser, seltener und funktional schwächer. Populationen schrumpfen, Lebensräume fragmentieren, und das Gleichgewicht in Ökosystemen gerät zunehmend aus den Fugen. Was einst stabile Gefüge waren, wird zu einem fragilen System, in dem jede weitere Belastung – sei es durch Klimawandel, Landnutzung oder Verschmutzung – stärker durchschlägt.

Je kleiner Populationen werden, desto größer ist die Gefahr, dass sie lokal verschwinden oder sich nicht mehr erholen können. Gleichzeitig verlieren Ökosysteme ihre Fähigkeit, zentrale Funktionen zuverlässig zu erfüllen: Bestäubung wird unsicherer, Nahrungsketten instabiler, natürliche Regenerationsprozesse langsamer.

Regionale Unterschiede im Living Planet Index

Der Biodiversitätsverlust verläuft nicht gleichmäßig und die Unterschiede sind teilweise drastisch. Während Regionen wie Europa und Zentralasien Rückgänge von rund –35 % verzeichnen, fallen die Verluste in anderen Teilen der Welt deutlich extremer aus. Besonders alarmierend ist die Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik mit etwa –95 %, aber auch Afrika (–76 %) weist massive Rückgänge auf.

Diese Unterschiede sind kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Belastungen: Landnutzungsänderungen, Entwaldung, Klimawandel und Rohstoffabbau treffen vor allem Regionen mit hoher Biodiversität. Gleichzeitig wird der Druck häufig durch globale Lieferketten verstärkt. Die Nachfrage entsteht oft in anderen Teilen der Welt.

Das führt zu einer gefährlichen Schieflage: Während einige Ökosysteme bereits stark geschwächt sind, stehen andere noch vergleichsweise stabil da. In besonders betroffenen Regionen nähert sich die Natur jedoch bereits einem Punkt, an dem zentrale ökologische Funktionen nicht mehr zuverlässig gewährleistet sind.

Viele Unternehmen sind auf  diese Dynamiken kaum vorbereitet. Die Abhängigkeit ihrer Geschäftsmodelle von funktionierenden Ökosystemen,  insbesondere in globalen Lieferketten, ist oft weder vollständig verstanden noch systematisch berücksichtigt.

Mein Fazit: Ein schleichender Wandel, der oft unterschätzt wird

Wenn man sich die Entwicklung wirklich vor Augen führt, wird klar: Der Verlust an Biodiversität passiert leise und genau deshalb reagieren wir oft zu spät. Vielen ist nicht bewusst, wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist und wie stark wir tatsächlich von funktionierenden Ökosystemen abhängen.

Aus meiner Sicht liegt genau darin das größte Risiko. Wir behandeln Biodiversität häufig noch als Randthema, obwohl sie die Grundlage für stabile Wirtschaftssysteme und unsere eigene Lebensqualität ist. Diese Diskrepanz zwischen Abhängigkeit und Aufmerksamkeit können wir uns nicht länger leisten.

Deshalb müssen wir deutlich schneller ins Handeln kommen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass ausschließlich Politik oder große Konzerne gefragt sind. Jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten, sei es durch unternehmerische Entscheidungen, durch bewussteren Konsum oder durch die Art, wie das Thema intern und extern kommuniziert wird. Was ist dein #kleinerBeitrag?

Quellen

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