Nature-based Solutions in der Praxis
Viele Unternehmen hängen mit ihren Wertschöpfungsketten direkt von intakter Natur und funktionierenden Ökosystemen ab. Sie kaufen Rohstoffe wie Kakao, Baumwolle, Erze oder Holz, sie sind angewiesen auf sauberes Wasser, Bestäuber und fruchtbare Böden. Diese Abhängigkeiten geraten zunehmend unter Druck. Klimawandel und Biodiversitätsverlust setzen tropische Anbauregionen physisch unter Stress und treffen die dort lebenden Menschen besonders hart. Gleichzeitig verlangen nationale und internationale Regularien deutlich mehr Transparenz zu Klima, Wasser, Biodiversität, Menschenrechten und Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Wer in dieser Lage nach einem strategischen Hebel sucht, der mehrere dieser Themen gleichzeitig adressiert, kommt an Nature-based Solutions (NbS) kaum vorbei. NbS haben sich in den letzten Jahren von einem akademischen Begriff zu einem zentralen Konzept in EU-Politik, Forschung und zunehmend auch in Unternehmensstrategien entwickelt. Richtig aufgesetzt liefern sie konkrete Antworten auf die geschilderten Herausforderungen und sind ökologisch wirksam, sozial gerecht und regulatorisch anschlussfähig.
Dieser Beitrag erklärt, was NbS sind, welche Rolle sie in der Lieferkette spielen können und warum eine gerechte Transformation für den Erfolg unverzichtbar ist.
Nature based Solutions, kurz erklärt
Die UN-Umweltversammlung hat 2022 eine Definition verabschiedet, die heute weltweit als Referenz dient (UNEA 2022). Demnach sind NbS Maßnahmen, die natürliche oder veränderte Ökosysteme schützen, wiederherstellen, nachhaltig nutzen und managen. Sie müssen drei Wirkungen gleichzeitig erbringen: gesellschaftliche Herausforderungen lösen, Biodiversität stärken und Menschen vor Ort konkreten Nutzen bringen.
Diese Dreifachwirkung ist zentral. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind komplex und lassen sich nicht eindimensional lösen. Eine Maßnahme, die nur Carbon speichert und Biodiversität ignoriert, gilt nach wissenschaftlichem Verständnis nicht als NbS. Sie greift zu kurz, um eine relevante Lösung zu sein. Eine Aufforstung mit Eukalyptus-Monokultur fällt durch. Bioenergie mit CO2-Abscheidung (BECCS) auch. Und Projekte, die ohne Einbindung lokaler Communities umgesetzt werden, ebenfalls.
Damit du in der Praxis schnell prüfen kannst, ob eine konkrete Maßnahme als NbS zählt, haben Forschende um Prof Nathalie Seddon an der University of Oxford vier Leitprinzipien formuliert (Seddon et al. 2021):
- NbS ersetzen keine Dekarbonisierung. Sie ergänzen sie.
- NbS umfassen alle natürlichen Ökosysteme. Nicht nur Wälder, sondern auch Moore, Mangroven, Seegras und Grasländer.
- NbS werden mit lokalen Communities und indigenen Völkern umgesetzt, nicht über sie hinweg.
- NbS müssen messbaren Nutzen für Biodiversität bringen. Eine Plantage oder Monokultur zählt nicht dazu.
Die Lieferkette als zentraler Wirkungsraum
Für Unternehmen mit Agrar- oder Forstbezug liegt der größte NbS-Hebel in der Lieferkette. Die meisten Unternehmen agieren am Ende der Wertschöpfungskette, mit langen, oft intransparenten Anbau- und Verarbeitungsstrukturen. Um eine wirksame NbS-Lösung aufzubauen, ist es entscheidend, die Akteure entlang der Kette zu kennen.
Die unterschätzte Rolle der Trader
Trader sind die unterschätzten Sustainability-Governance-Akteure in globalen Agrarlieferketten (Grabs und Carodenuto 2021). In Kakao, Kaffee und Palmöl sind das Konzerne wie Cargill, Olam, Barry Callebaut, ECOM, Wilmar und Neumann Kaffee Gruppe. Sie sitzen strukturell zwischen Millionen von Kleinbauern und einigen wenigen Endkonzernen, die das Produkt verarbeiten oder vermarkten.
Diese Position macht Trader zu zentralen Akteuren für NbS-Implementierung. Sie haben Daten, die kein anderer Akteur in dieser Tiefe hat. Sie haben finanzielle Beziehungen zu Bauern, häufig durch Vorfinanzierung. Und sie haben Skalierungsmöglichkeiten, die einzelne Konzerne nicht erreichen können. Viele große Trader haben inzwischen eigene Nachhaltigkeitsinitiativen aufgebaut, etwa OLAM AtSource, Cargill Cocoa Promise, Volcafe WAY oder Barry Callebaut Cocoa Horizons.
Für Unternehmen, die in ihren Lieferketten mit Tradern arbeiten, ist ein gemeinsames lokales Engagement entscheidend für den Erfolg von NbS-Maßnahmen.
Welche Rolle nehmen Unternehmen ein?
Im traditionellen Modell agieren Unternehmen am Ende der Lieferkette als Käufer. Sie machen Vorgaben zur Qualität oder definieren Standards, sind aber von den lokalen Realitäten oft weit entfernt. Deshalb fällt es ihnen schwer, Einfluss zu nehmen, wenn es um komplexe ökologische Anforderungen geht, etwa um die Wiederherstellung von Bodenfruchtbarkeit oder den Schutz von Biodiversität in Anbauregionen.
NbS verlangen ein anderes Rollenverständnis. Unternehmen, die ernsthaft naturbezogene Wirkung erzielen wollen, agieren als Mitgestalter und vorallem als Mitfinanzierer. Konkret bedeutet das Insetting statt klassischem Offsetting. Statt Carbon-Credits am Markt zu kaufen, fließen Investitionen direkt in die eigene Lieferkette: in Agroforstwirtschaft mit den eigenen Kakao- oder Kaffeebauern, in Bodenkohlenstoff-Aufbau, in Schutz vorhandener Wälder rund um Anbaugebiete. Das liefert glaubwürdigere Carbon-Bilanzen und gleichzeitig operativ stabilere Lieferketten, die gegen Hitze, Dürre und Schädlinge widerstandsfähiger sind, was auch zu einem geringeren Pestizideinsatz führen kann (Terasaki Hart et al. 2023).
Gerechte Transformation: Warum NbS ohne soziale Dimension scheitern
Eine NbS-Strategie, die Bauern, Indigene und lokale Gemeinschaften übergeht, wird scheitern. Das ist empirisch vielfach belegt. Forschende um Rachael Garrett an der University of Cambridge zeigen für Landsysteme: Wenn weniger mächtige Akteure in Interventionen verlieren, entstehen langfristig Konflikte, die die ökologischen Ziele unterminieren (Garrett et al. 2025).
Pascual und Kolleg:innen haben für Payments for Ecosystem Services (PES) schon 2014 empirisch nachgewiesen, dass soziale Gerechtigkeit ein direkter Wirksamkeits-Faktor ist (Pascual et al. 2014). Vier Dimensionen sind dabei zentral: Procedure (wer entscheidet mit), Distribution (wer trägt welche Kosten und welchen Nutzen), Recognition (wessen Wissen und Werte werden anerkannt) und Context (welche Rahmenbedingungen ermöglichen Teilnahme).
Eine Studie von Löfqvist und Kolleg:innen (2022) ergänzt das mit einer eindrucksvollen Zahl: Etwa 1,4 Milliarden Menschen leben in Gebieten, die als High-Restoration-Priority identifiziert wurden, überproportional in Regionen mit niedrigem Human Development Index. Wer NbS in tropischen Anbauregionen umsetzt, trifft also strukturell vulnerable Bevölkerungsgruppen. Free, Prior and Informed Consent (FPIC) und faires Benefit-Sharing sind die strukturelle Voraussetzung dafür, dass NbS-Programme über fünf, zehn oder fünfzehn Jahre Bestand haben. Das ist auch direkt anschlussfähig an die Sorgfaltspflichten unter LkSG, CSDDD und ESRS S2.
Rachael Garrett warnt explizit vor einem Risiko: Die EU-Entwaldungsverordnung würde ohne eine gerechte Lieferketten-Begleitung Spillover-Effekte erzeugen. Wer in einer Region zero deforestation durchsetzt, ohne Bauern Alternativen zu bieten, verdrängt das Problem in andere Crops oder andere Regionen. Wer EUDR-Compliance mit fairer Lieferketten-Begleitung integriert denkt, vermeidet diese Falle.
Drei typische Fallstricke
Aus der wissenschaftlichen Forschung und der Beratungspraxis kristallisieren sich drei Fallstricke heraus, die NbS-Maßnahmen regelmäßig erschweren.
- der Carbon-only-Fokus
Wer NbS nur in Tonnen CO2 misst, übersieht Biodiversitäts- und Social-Trade-offs. Dies kann zu Greenwashing-Vorwürfen und Reputationsschäden führen. Biodiversitätsmetriken gehören parallel zu Carbon-Metriken auf das Dashboard (Mandle et al. 2021). - Aufforstung statt Schutz
Vorhandene intakte Ökosysteme zu schützen, ist ökologisch wirksamer und ökonomisch günstiger als Restauration nach Schädigung. Trotzdem dominieren oft Pflanzungsprojekte, auch weil sie vermeintlich gut zu kommunizieren sind. Wer vom Pflanz-Reflex zur Schutz-Logik wechselt, gewinnt an Glaubwürdigkeit und Wirkung. - NbS ohne Community-Einbindung
Top-down implementierte Projekte scheitern häufig, weil Akzeptanz, lokales Wissen und ökonomische Anreize fehlen (Turner et al. 2022). FPIC ist eine Wirksamkeits-Voraussetzung.
Was das für CSRD und Co. bedeutet
Eine gut aufgesetzte NbS-Strategie wird zum effizienten Reporting-Hebel, weil sie Datenpunkte für mehrere Standards parallel liefert: verbesserte Angaben zu Auswirkungen und Risiken in ESRS E4 (Biodiversität), Mitigation- und Adaptationswirkungen in ESRS E1 (Klimawandel), wasserbezogene Effekte in ESRS E3 (Wasser), und durch FPIC und Benefit-Sharing strukturelle Anschlussfähigkeit zu ESRS S2 (Workers in the value chain). Gleichzeitig flankiert eine solche Strategie Anforderungen aus CSDDD, EUDR und Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz.
Anmerkungen & Quellen
- Garrett, R. et al. (2025). Policy principles for sustainable and just land systems. Royal Society Open Science, 12, 250810.
- Grabs, J., Carodenuto, S. L. (2021). Traders as sustainability governance actors in global food supply chains: A research agenda. Business Strategy and the Environment, 30, 1314-1332.
- Löfqvist, S. et al. (2022). How Social Considerations Improve the Equity and Effectiveness of Ecosystem Restoration. BioScience, 72(11), 1056-1071.
- Mandle, L. et al. (2021). Increasing decision relevance of ecosystem service science. Nature Sustainability, 4, 161-169.
- Pascual, U. et al. (2014). Social Equity Matters in Payments for Ecosystem Services. BioScience, 64(11), 1027-1036.
- Seddon, N. et al. (2021). Getting the message right on nature based solutions to climate change. Global Change Biology, 27(8), 1518-1546.
- Terasaki Hart, D. E. et al. (2023). Priority science can accelerate agroforestry as a natural climate solution. Nature Climate Change, 13(11), 1179-1190.
- Turner, B. et al. (2022). The Role of Nature Based Solutions in Supporting Social Ecological Resilience for Climate Change Adaptation. Annual Review of Environment and Resources, 47, 123-148.
- UNEA (2022). Resolution 5/5: Nature based solutions for supporting sustainable development. United Nations Environment Assembly.
Wer als Unternehmen mit Agrar- oder Lieferkettenbezug ernsthaft prüfen will, wo die größten Naturrisiken und NbS-Hebel in der eigenen Wertschöpfungskette liegen, braucht eine strukturierte Standortbestimmung.
Mit dem Biodiversitätscheck bekommst du genau diese Standortbestimmung, mit einem klaren Schwerpunkt auf Risiken und Maßnahmen in der Lieferkette. Das Tool ist kostenfrei nutzbar und liefert eine erste Grundlage, auf der sich eine fundierte Strategie aufbauen lässt.
Teil 1
- „Was ist für uns überhaupt relevant – und wo fangen wir an?“
Dein Ergebnis
Klarheit über Relevanz, Treiber und erste Handlungsfelder
Teil 2
entwickeln
- „Wie sieht ein sinnvolles Zielniveau für unser Unternehmen aus?“
Dein Ergebnis
Ein formuliertes Zielbild, das intern Orientierung schafft
Teil 3
- „Wie übersetzen wir unser Zielbild in konkrete Biodiversitätsziele?“
Dein Ergebnis
Konkrete, priorisierte und umsetzbare Biodiversitätsziele
Tausche dich mit anderen Nachhaltigkeitsmanagern aus, die Biodiversität, TNFD und ESRS E4 konkret angehen – und finde heraus, was wirklich funktioniert.
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