LEAP der TNFD: Der Schlüssel zur Analyse naturbezogener Risiken?
Während Klimarisiken global wirken, sind naturbezogene Risiken standortabhängig. Der damit verbundene geografische Kontext der Risiken stellt eine große Herausforderung für Unternehmen dar. Der LEAP-Ansatz der TNFD adressiert diese Besonderheit mit einem strukturierten Framework. Doch kann LEAP auch als vollständiges Risikomanagement-Tool dienen? Dieser Beitrag untersucht Eignung, Stärken und Grenzen von LEAP als Risikomanagement-Tool.
Schnittstellen eines Unternehmens zur Natur als besondere Herausforderungen
Während Klimarisiken bereits umfangreich diskutiert werden, steht die systematische Bewertung von naturbezogenen Themen noch am Anfang. Dabei ist die unternehmerische Auseinandersetzung mit naturbezogenen Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken (physisch, transitorisch und systemisch) und Chancen (nachfolgend: naturbezogene Aspekte) äußerst wichtig, denn über 50% der globalen Wertschöpfung sind moderat oder stark von intakter Natur abhängig.1
Die Analyse naturbezogener Aspekte stellt Unternehmen vor besondere Herausforderungen. Anders als Treibhausgasemissionen, die unabhängig vom Emissionsort global zum Klimawandel beitragen, sind naturbezogene Aspekte in hohem Maße lokal geprägt. Gleichzeitig sind die Verbindungen vieler Geschäftsmodelle zu Natur, Naturkapital (natürliche Ressourcen wie Wälder, Wasser oder Böden, die für die Wirtschaft wertvoll sind), Biodiversität und Ökosystemleistungen2 – also Vorteile, die Menschen und Unternehmen aus der Natur ziehen – abstrakt und nicht immer eindeutig greifbar. Zudem haben Unternehmen aufgrund der Neuartigkeit und Komplexität des Themas vielfach keine oder nur wenig Erfahrung.3
Die Komplexität ergibt sich bereits aus dem Thema selbst: Unternehmen müssen zum Beispiel die vier Naturbereiche4 Land, Süßwasser, Ozean und Atmosphäre sowie die Biome, in denen sie operieren, verstehen. Zudem fehlen Unternehmen typischerweise Daten zu Bodenbeschaffenheit, Artenvielfalt oder Wasserqualität. Häufig fehlt auch das Verständnis über die Schnittstelle des Geschäftsmodells mit naturbezogenen Aspekten. Beispiele für solche Schnittstellen sind:
- Gewinnung natürlicher Wirkstoffe aus Regenwäldern, zum Beispiel für die pharmazeutische Industrie
- Schutz vor Flutschäden durch Mangrovenwälder, die Risiken und Versicherungsprämien für Standorte reduzieren
- Verfügbarkeit von Kühlwasser für Datenzentren
Zudem können Standorte in Gebieten indigener Gemeinschaften liegen. Diese sind nicht nur besonders schützenswert, sondern verfügen oft über traditionelles Wissen zur nachhaltigen Nutzung von Ressourcen, das für Unternehmen wertvoll sein kann.5
Erst das Verständnis der Schnittstellen und des ökologischen Kontexts ermöglicht Unternehmen, ein sinnvolles Risikomanagement aufzubauen.6
Ein in der Praxis bereits erprobtes Konzept zur Bewältigung dieser Herausforderungen ist der LEAP-Ansatz der TNFD, eine marktorientierte, wissenschaftlich fundierte und international unterstützte Initiative, die in den folgenden Abschnitten beschrieben und analysiert wird.
Der LEAP-Ansatz der TNFD
Die in 2021 gegründete TNFD hat ein Rahmenwerk für naturbezogene Offenlegungen entwickelt. Ziel der TNFD ist es, durch Berichterstattung hochwertige Informationen über naturbezogene Aspekte eines Unternehmens bereitzustellen. Im Gegensatz zu Klimaframeworks wie IFRS S1 fokussiert LEAP standortbezogene Aspekte, eine entscheidende Ergänzung für ein ganzheitliches Risikomanagement.
Der LEAP-Ansatz unterstützt Unternehmen bei der Beurteilung naturbezogener Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen. LEAP eignet sich besonders für Branchen mit direkter Naturabhängigkeit (zum Beispiel Landwirtschaft, Bergbau) oder standortgebundenen Risiken (zum Beispiel Industrie in Schutzgebieten). LEAP ist ein iterativer vierstufiger Prozess:
- L – Locate: In der Locate-Phase grenzen Unternehmen konkrete naturbezogene Aspekte zunächst anhand von Filtern ein, wie zum Beispiel Branche, Wertschöpfungskette und geografischer Standort und priorisieren diese.
- E – Evaluate: In der Evaluate-Phase bewerten Unternehmen ihre naturbezogenen Auswirkungen auf und Abhängigkeiten von der Natur. Diese sind Quellen für finanzielle Risiken und Chancen.
- A – Assess: Basierend auf den Ergebnissen aus der E-Phase analysieren Unternehmen in der Assess-Phase naturbezogene Risiken und Chancen.
- P – Prepare: In der Prepare-Phase nutzen Unternehmen die Ergebnisse, um mit Stakeholdern Maßnahmen zu erörtern. Zudem legen sie fest, welche Angaben in einem freiwilligen TNFD-Bericht offenzulegen sind. Gleichwohl können die Erkenntnisse auch in interne Reportings einfließen.
Durch seinen systematischen Fokus auf die Lokalisierung naturbezogener Aspekte ermöglicht LEAP Unternehmen eine fundierte Analyse der Schnittstellen zur Natur. Im Ergebnis entsteht eine Prioritätenliste naturbezogener Risiken und Chancen, die Grundlage für Maßnahmenplanung und Reporting (zum Beispiel nach ESRS E47) bildet. Damit können Unternehmen auf Basis eines wissenschaftlich fundierten Konzepts naturbezogene finanzielle Risiken und Chancen erkennen, bewerten und steuern.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen.
Ein Standort in Norddeutschland in der Nähe eines definierten Natura 2000-Schutzgebiets8 unterliegt anderen naturschutzrechtlichen Vorgaben als ein Standort in Süddeutschland in einer landwirtschaftlich geprägten Region. Während im Norden möglicherweise Ausgleichsmaßnahmen wie die Renaturierung von Feuchtgebieten für Eingriffe in geschützte Lebensräume erforderlich sind, könnte im Süden die Verfügbarkeit von Wasserressourcen das entscheidende Risiko sein. Ohne eine standortbezogene Analyse wie LEAP können Unternehmen solche Unterschiede nicht systematisch erfassen und damit auch keine gezielten Risikomanagement-Strategien entwickeln.
Ob LEAP als eigenständiges Risikomanagement-Tool dienen oder bestehende Systeme erweitern kann, wird im Anschluss analysiert.
LEAP als Risikomanagement-Tool: Eignung und Grenzen
LEAP ist kein klassisches Risikomanagement-Tool, sondern ein Due-Diligence-Framework. Dennoch kann es als eigenständiges Instrument für Teilbereiche des Risikomanagements genutzt werden, besonders für Unternehmen mit standortabhängigen Risiken oder für den Einstieg in die Risikobewertung.
LEAP deckt drei wichtige Risikomanagement-Schritte (Identifikation, Bewertung, Analyse) durch seine ersten drei Phasen ab. So ermöglicht die Locate-Phase eine standortgenaue Erfassung von Naturaspekten (zum Beispiel geschützte Gebiete, Wasserstress), während Evaluate und Assess Auswirkungen und Abhängigkeiten mit finanziellen Risiken und Chancen verknüpfen. Durch die Verknüpfung der E- und A-Phase befähigt LEAP Unternehmen Transmissionskanäle9 zu verstehen; das heißt die Wege, auf denen Naturaspekte zu finanziellen Risiken führen, zum Beispiel durch Regulierung oder Lieferkettenunterbrechungen. Ein solches Risiko-Narrativ unterstützt die verantwortlichen Bereiche bei der Kommunikation und Argumentation für die Implementierung von Maßnahmen.
Allerdings fehlen Steuerungsfunktionen: LEAP enthält kein Monitoring, keine automatisierte Risikobewertung und keine Methodik zur Entscheidungsfindung. Ferner enthält LEAP keine Empfehlungen zur Governance. Das Unternehmen muss Rollen und Verantwortlichkeiten definieren, damit LEAP nach der initialen Durchführung in einen regelmäßigen Prozess überführt werden kann.
Abschließend benötigen Unternehmen umfangreiche Daten und Informationen zu den Standorten. Dazu gehören genaue Geodaten sowie Daten zur Beschaffenheit der Umwelt. Damit der spätere Prozess effizient läuft, sollten diese Daten aus Quellen wie ENCORE10 (Auswirkungen und Abhängigkeiten von Ökosystemleistungen) oder WWF Risk Filter11 (Biodiversität und Wasser-Themen) in interne Systeme eingebunden werden.
Deutlich besser eignet sich LEAP zur Erweiterung bestehender Risikomanagement-Systeme. Hier kann es als Modul für naturbezogene Risiken in Frameworks wie ISO 31000 oder COSO ERM integriert werden. Auch der neue ISO 17298:2025-Standard greift das Konzept der Lokalisierung auf, sodass beide Ansätze miteinander kombinierbar sind. Die TNFD betont in ihrer Leitlinie12, dass LEAP explizit dazu dient, naturbezogene Risiken in bestehende Risikomanagement-Prozesse zu integrieren. So lassen sich zum Beispiel die Ergebnisse der Locate-Phase in Risikoinventar aufnehmen oder die Assess-Phase zur Priorisierung von Maßnahmen nutzen. Besonders wertvoll ist LEAP für:
- Branchen mit direkter Naturabhängigkeit (zum Beispiel Landwirtschaft, Bergbau, Energie) oder standortgebundenen Risiken (zum Beispiel Industrie in Schutzgebieten),
- Finanzdienstleister mit indirekter Abhängigkeit zur Analyse ihrer Investment-, Kredit, und Versicherungsportfolien und
- Unternehmen mit globalen Lieferketten
Die Stärken von LEAP – Standortfokus, Flexibilität, regulatorische Kompatibilität zu anderen Rahmenwerken wie ESRS E4 und ISO-Standards – überwiegen hier die Grenzen (Datenaufwand, fehlende Quantifizierung).
Empfehlungen: Unternehmen sollten LEAP schrittweise einführen, zum Beispiel als Pilotprojekt für die Hauptproduktionsstätte, eine Lieferkette oder eine Produktgruppe. Externe, teils frei verfügbare Quellen unterstützen die Datenerhebung. Für KMUs oder Dienstleister mit indirekten Naturrisiken ist ein Fokus auf Kernstandorte oder -Portfolien sinnvoll. Damit ist LEAP kein All-in-One-Tool, aber ein unverzichtbarer Baustein, um naturbezogene Risiken in das Risikomanagement zu integrieren.
Fazit zum LEAP-Ansatz
Naturbezogene Auswirkungen, Risiken und Chancen fordern aufgrund ihrer Besonderheiten neuartige Methoden und Daten, um sie zu identifizieren, zu steuern und Maßnahmen umzusetzen. Der von der TNFD entwickelte LEAP-Ansatz stellt ein sinnvolles Instrument dar, das mit der Locate-Phase den wesentlichen Unterschied zwischen Klima- und naturbezogenen Themen adressiert: Naturbezogene Risiken und Chancen sind häufig standortabhängig und können daher nicht losgelöst vom geografischen Kontext bewertet werden.
Gleichzeitig ist LEAP fachlich und organisatorisch komplex. Der Ansatz erfordert zahlreiche Informationen und Daten zu Standorten sowie zu naturbezogenen Eigenschaften wie Pflanzen- und Artenvielfalt, Luft- und Wasserqualität oder Bodenbeschaffenheit. Zwar ist LEAP kein vollständiges Risikomanagement-Tool. Doch eignet es sich als Modul zur Erweiterung bestehender Systeme und schafft eine hohe Anschlussfähigkeit an regulatorische Anforderungen, zum Beispiel zum ESRS E4.
Insgesamt eignet sich LEAP als Ausgangspunkt für ein naturbezogenes Risikomanagement. Unternehmen, die naturbezogene Aspekte strukturiert erfassen und steuern möchten, finden darin derzeit eines der am weitesten entwickelten und praxisnahesten Frameworks.
Empfehlung: LEAP schrittweise einführen, zum Beispiel als Pilotprojekt für einen Standort oder eine Lieferkette.
Anmerkungen & Quellen
- 1. World Economic Forum (2020): Nature Risk Rising, S. 8; in Kollaboration mit PwC.
- 2. Gemäß International Union for Conservation on Nature (IUCN) Global Ecosystem Typology bestehen drei Arten von Ökosystemleistungen: bereitstellende Dienstleistungen (zum Beispiel Biomasse für die Wirtschaft), regulierende Dienstleistungen (zum Beispiel Klimaregulierung durch Feuchtgebiete) oder kulturelle Leistungen (zum Beispiel wissenschaftliche Forschung).
- 3. Stawinoga (2023): Das Rahmenwerk der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD), in WPg (2023, 1127).
- 4. SBTN (2023): SBTN Glossary of Terms.
- 5. TNFD (2023): Recommendations of the Taskforce on Nature-related Financial Disclosures Recommendations, S. 23.
- 6. TNFD (2023): Recommendations of the Taskforce on Nature-related Financial Disclosures Recommendations, S. 44.
- 7. Europäischer Standard zur Berichterstattung zu Biodiversität und Ökosystemen.
- 8. Natura 2000 bezeichnet ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten in der EU, bestehend aus Flora-Fauna-Habitaten und Vogelschutzgebieten.
- 9. EBA Guidelines on the management of ESG risks (EBA/GL/2025/01).
- 10. Frei verfügbares Tool des UN Environmental Programme zur Ermittlung von Auswirkungen und Abhängigkeiten. ENCORE steht für “Exploring Natural Capital Opportunities, Risks and Exposure”.
- 11. Frei verfügbares Tool des Worldwide Fund for Nature.
- 12. TNFD (2023): Recommendations of the Taskforce on Nature-related Financial Disclosures Recommendations, S. 14, 15.
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Nikita Kompaniets ist Wirtschaftsprüfer und IDW Sustainability Auditor. Er berät Unternehmen dabei ESG-Managementprozesse zu implementieren, diese auszubauen und revisionssicher auszugestalten. Darüber hinaus unterstützt er Unternehmen jeder Größe bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten nach CSRD/ESRS und dem freiwilligen VS-Standard.