Prof. Michael Rademacher teilt seine Praxiserfahrungen gepaart mit den Erkenntnissen aus der Wissenschaft
Biodiversität rückt für Unternehmen zunehmend auf die Agenda. Viele Nachhaltigkeitsmanager stehen jedoch vor einer praktischen Herausforderung: Das Thema ist komplex, regulatorische Anforderungen entwickeln sich dynamisch und konkrete Kennzahlen sind oft schwer greifbar.
Wie sollten Unternehmen also starten? Welche Rolle spielen Firmengelände, Lieferketten und Pilotprojekte? Und wie lässt sich Biodiversität intern so positionieren, dass daraus mehr wird als ein schönes Nachhaltigkeitsthema?
Darüber habe ich mit Prof. Michael Rademacher von der TH Bingen gesprochen. Er bringt umfassende Praxiserfahrung im Biodiversitätsmanagement von Unternehmen mit. Als Biologe hat er zahlreiche industrielle Standorte begutachtet, Biodiversitätsindikatoren mitentwickelt und Pilotprojekte auf Unternehmensflächen begleitet. Regelmäßig verbindet er diese Arbeit mit praxisnahen Studierendenprojekten – von Flächenanalysen bis zu konkreten Maßnahmenkonzepten.
Viele Unternehmen unterschätzen, wie konkret Biodiversität ihr Geschäft betrifft
Prof. Rademacher: Weil Biodiversität für Unternehmen viel konkreter ist, als viele zunächst denken. Natürlich beginnt das Thema oft auf dem eigenen Firmengelände. Man kann Rasenflächen ständig kurz mähen …oder man kann Wildwiesen anlegen, gezielt Pflanzungen vornehmen und damit Lebensräume schaffen. Das sind so ganz unterschwellige Möglichkeiten.
Biodiversität berührt aber auch sehr praktische Unternehmensinteressen. Ein zentraler Punkt sind Genehmigungsverfahren. Sobald ein Unternehmen Fläche beansprucht, Landschaft nutzt oder einen Standort erweitern möchte, kommt die Frage nach Biodiversitätsverlust und Ausgleichsmaßnahmen fast zwangsläufig auf. Wer dann bereits zeigen kann, dass er sich ernsthaft mit Biodiversität beschäftigt, steht deutlich besser da. Das schafft Vertrauen bei Behörden, Kommunen und anderen Beteiligten und führt zu weniger Einsprüchen, Konflikten und schlussendlich zu geringeren Projektverzögerungen.
Auch auf europäischer Ebene wird Biodiversität zudem weiter an Bedeutung gewinnen. Perspektivisch wird stärker danach gefragt werden, welche Auswirkungen Produkte, Produktionsprozesse und Standorte auf die biologische Vielfalt haben. Unternehmen, die sich frühzeitig ernsthaft damit auseinandersetzen, können dadurch Vorteile haben.
Prof. Rademacher: Aus meiner Sicht bilden solche Frameworks den wissenschaftlichen Stand bisher nur teilweise ab. Die zentrale Herausforderung liegt darin, vom tatsächlichen Beobachten von Biodiversität zu messbaren Größen zu kommen, die Unternehmen auch regelmäßig erfassen und berichten können. Genau an dieser Schnittstelle besteht noch erheblicher Entwicklungsbedarf.
Bei Biodiversität reicht es nicht, allgemeine Aussagen zu machen. Unternehmen müssen perspektivisch zeigen können, ob ihre Aktivitäten positive oder negative Auswirkungen auf Lebensräume, Arten oder Ökosysteme haben. Dafür braucht es konkrete Beobachtungen, belastbare Indikatoren und Verfahren, die im Unternehmensalltag funktionieren.
Ich gehe davon aus, dass die heute teilweise noch recht allgemeinen Anforderungen weiter verfeinert werden. Unternehmen werden künftig stärker nach konkreten Zahlen, Beobachtungen und Indikatoren gefragt werden. Die entscheidende Frage lautet also: Welche Daten können Unternehmen erheben, um ihre Auswirkungen auf Biodiversität nachvollziehbar darzustellen?
Warum ist diese Übersetzung von Biodiversität in Unternehmenskennzahlen so anspruchsvoll?
Prof. Rademacher: Weil Biodiversität sehr stark vom jeweiligen Standort abhängt. Man kann nicht einfach eine einzige Kennzahl entwickeln, die für alle Unternehmen gleichermaßen funktioniert. Der ökologische Wert eines Lebensraums oder die Bedeutung bestimmter Arten hängt immer vom jeweiligen Kontext ab.
Gleichzeitig müssen Indikatoren praktikabel sein. Unternehmen benötigen Kennzahlen, die wissenschaftlich sinnvoll sind, aber auch mit vertretbarem Aufwand erhoben werden können. Genau an dieser Schnittstelle besteht derzeit noch Entwicklungsbedarf.
Bei Indikatoren-Sets lassen sich zwei Ansätze unterscheiden: Ein Ansatz basiert auf der Bewertung von Lebensräumen, bei dem Flächen nach ihrem ökologischen Zustand und Wert eingestuft werden. Der andere Ansatz fokussiert Arten, indem das Vorkommen von Pflanzen, Tieren und insbesondere Rote‑Liste‑Arten erfasst und daraus Indikatoren abgeleitet werden.
In der Praxis kombinieren viele Unternehmen beide Ansätze, um sowohl die strukturellen Eigenschaften von Lebensräumen als auch konkrete biologische Vorkommen in die Bewertung einzubeziehen.
Prof. Rademacher: Der erste Schritt ist, den eigenen Flächenbezug einzuordnen. Nutzt das Unternehmen Landschaft? Verbraucht es Fläche? Gibt es eigene Betriebsgelände, Abbaustätten, Lagerflächen oder Grünflächen? Für manche Unternehmen ist der direkte Flächenbezug sehr offensichtlich, für andere zunächst weniger. Aber fast jedes Unternehmen hat irgendwo einen Ansatzpunkt.
Danach kommt die zweite Ebene: Was ist mit Rohstoffen und Lieferketten? Wo kommen Materialien her? Welche Auswirkungen entstehen dort? Dieses Feld ist deutlich komplexer, aber es gehört perspektivisch dazu. Zunächst sollten Unternehmen jedoch verstehen, was sie vor Ort beeinflussen können und wo ihre wichtigsten Wirkungsbereiche liegen.
Wenn diese Dimensionierung klar ist, geht es ins Eingemachte. Dann braucht es in vielen Fällen externe Expertise — etwa Biologen, Kartierer oder Fachleute, die Lebensräume und Arten einschätzen können. Ohne solche Expertise geht es am Anfang häufig nichts.
Prof. Rademacher: Wenn ein Unternehmen wissen möchte, welche Tiere und Pflanzen auf seinen Flächen vorkommen oder welche Arten es fördern kann, braucht es zunächst Fachleute. Jemand muss kartieren, Lebensräume bewerten und erkennen, welche Potenziale vorhanden sind.
Es ist wirklich erstaunlich, was auf Betriebsgeländen alles vorkommen kann: Wanderfalken, Magerrasen, Tümpel mit seltenen Kröten oder andere wertvolle Strukturen. Viele Unternehmen wissen gar nicht, welche ökologischen Potenziale sie bereits haben.
Ein erfahrener Geländebiologe kann bei einer Begehung oft schon sehr gut einschätzen, welche Maßnahmen sinnvoll wären. Manchmal reicht ein erster Tag vor Ort, um konkrete Ansatzpunkte zu identifizieren und einen Weg aufzuzeigen.
Und auch später bei der Auswahl und Integration von Indikatoren ist externe Expertise entscheidend – weniger wegen fehlender Ansätze, sondern wegen der anspruchsvollen Umsetzung im Unternehmen: Indikatoren müssen valide, verständlich, praktikabel und berichtsfähig zugleich sein.
In unserem Vorgespräch haben sie gesagt, dass sie Unternehmen empfehlen, nicht sofort mit einem großen Biodiversitätskonzept zu starten, sondern mit Pilotprojekten. Warum?
Prof. Rademacher: Weil Pilotprojekte das Thema greifbar machen. Viele Unternehmen überfordern sich, wenn sie direkt versuchen, ein vollständig formalisiertes Konzept mit Indikatoren, Managementsystem und Reportingstruktur aufzubauen. Das ist häufig zu abstrakt — auch für Geschäftsführungen oder Vorstände.
Ich bin deshalb ein großer Freund von konkreten, zeitlich begrenzten Pilotprojekten mit überschaubarem finanziellem Aufwand. Das kann gemeinsam mit Naturschutzverbänden, Hochschulen oder Universitäten geschehen. Wichtig ist, dass Unternehmen etwas tun, das sichtbar wird.
Der Effekt solcher Projekte ist oft erstaunlich: Behörden reagieren positiv. Naturschutzverbände kommen ins Gespräch. Mitarbeitende interessieren sich plötzlich für das Thema. Man kann Führungen anbieten und zeigen, was auf dem Gelände entstanden ist. Dadurch entsteht intern und extern Akzeptanz.
Aus solchen Pilotprojekten kann dann der nächste Schritt entstehen: geeignete Indikatoren auswählen, Monitoring aufbauen, Ziele definieren und Biodiversität in das Umweltmanagementsystem integrieren. So wächst aus einem konkreten Projekt Schritt für Schritt ein Biodiversitätsmanagement.
3 Praxisbeispiele aus der Arbeit von Prof. Rademacher
Prof. Rademacher hat in seiner Laufbahn zahlreiche Biodiversitätsprojekte mit Unternehmen begleitet — von globalen Indikatorensystemen über Renaturierung bis hin zu konkreten Maßnahmen auf Betriebsflächen. Die folgenden Beispiele zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich der Einstieg in Biodiversitätsmanagement aussehen kann:
Beschreibung: Entwicklung von Biodiversitätsindikatoren, Managementansätzen, Schulungsprogrammen und Biodiversitätsplänen für nationale und internationale Standorte.
Ausgangslage: In einem weltweit tätigen Unternehmen lassen sich nicht überall detaillierte lokale Artenerfassungen durchführen. Es braucht praktikable Indikatoren, die international anwendbar und trotzdem aussagekräftig sind.
Ergebnis: Biodiversität wurde in Managementsysteme, Standortpläne und Konzernberichterstattung überführt. Verantwortliche vor Ort erhielten konkrete Arbeitspakete für das Biodiversitätsmanagement.
Beschreibung: Forschung und Begleitung von Maßnahmen, mit denen aus ehemaligen Abbauflächen wieder strukturreiche und artenreiche Landschaften entstehen können.
Ausgangslage: Große industrielle Eingriffe verändern Landschaften massiv. Entscheidend ist, ob Rekultivierung ökologisch wirksam umgesetzt und langfristig bewertet werden kann.
Ergebnis: Die Projekte zeigen, dass aus industriell genutzten Flächen bei guter Umsetzung wieder hochwertige Lebensräume entstehen können.
Beschreibung: Entwicklung von Plänen und Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung von Standorten und Betriebsflächen.
Ausgangslage: Viele Industrieflächen verfügen über ungenutzte oder klassisch gepflegte Bereiche, deren Biodiversitätspotenzial häufig unterschätzt wird.
Ergebnis: Durch Maßnahmen wie Trockenrasen, Wildbienenstrukturen, Tümpel, Nistmöglichkeiten oder ökologische Aufwertungen können konkrete Beiträge zur Biodiversität entstehen.
Prof. Rademacher: Nach dem Pilotprojekt muss die Formalisierung erfolgen. Das Unternehmen sollte klären: Welche Indikatoren sind relevant? Welche Daten lassen sich verlässlich erheben? Und wie werden diese in bestehende Managementsysteme integriert?
Entscheidend ist dabei die Rückendeckung durch die Geschäftsführung. Ohne ein klares strategisches Commitment, konkrete Zielsetzungen und entsprechende Budgets bleibt Biodiversität im Unternehmen oft auf der Ebene einzelner Initiativen stehen. Erst wenn das Thema explizit beauftragt und priorisiert wird, entsteht die Grundlage, um Maßnahmen systematisch weiterzuentwickeln und dauerhaft zu verankern.
Die Integration erfolgt in der Regel über das Umweltmanagement, wo Biodiversitätsindikatoren als fester Bestandteil des Systems implementiert werden können. Wichtig ist dabei die kontinuierliche Steuerung: Fortschritte messen, Maßnahmen nachschärfen und Entwicklung nachvollziehbar machen.
Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Kommunikation, sondern durch konsequente Umsetzung und transparente Entwicklung über die Zeit hinweg.
Prof. Rademacher: Nichtstun ist das Falscheste, was man machen kann. Ich weiß, dass Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanager im Alltag sehr viele klassische Umweltschutzthemen bearbeiten müssen. Aber Biodiversität lässt sich auch mit kleinem Aufwand beginnen — und dann Schritt für Schritt weiterentwickeln.
Ja, viele Umweltmanager fühlen sich in Unternehmen ohnehin allein gelassen. Sie sind oft diejenigen, die auf Risiken, Pflichten und Grenzen hinweisen müssen. Gerade deshalb kann Biodiversität auch eine Chance sein. Mit einem konkreten Projekt kann man innerhalb des Unternehmens ein anderes Standing aufbauen.
Denn auch Vorstände, Geschäftsführungen und technisch geprägte Führungskräfte sind Menschen, die häufig einen persönlichen Zugang zur Natur haben. Wenn man zeigen kann, dass auf dem eigenen Gelände etwas Wertvolles entsteht, verändert das oft die Wahrnehmung.
Mein Rat ist deshalb: Suchen Sie sich Hilfe. Arbeiten Sie mit Naturschutzorganisationen zusammen, wenn diese offen dafür sind. Sprechen Sie Hochschulen an. Nutzen Sie Forschungsprojekte, Praktika oder Kooperationen. So kann aus einem kleinen Einstieg nach und nach ein belastbares Biodiversitätsmanagement entstehen.
Fazit: Biodiversitätsstrategie entsteht durch Handeln, nicht durch eine Analyse-Paralyse
Das Gespräch mit Prof. Michael Rademacher zeigt: Biodiversität ist kein Thema, das Unternehmen erst dann bearbeiten sollten, wenn alle Standards, Indikatoren und Berichtspflichten vollständig geklärt sind und alle Unklarheiten beseitigt sind.
Gerade weil ESRS, TNFD und andere Frameworks noch nicht alle praktischen Fragen beantworten, sollten Unternehmen ihren eigenen Kontext verstehen: Welche Flächen nutzen sie? Welche Lebensräume gibt es bereits? Welche Wirkungen entstehen über Rohstoffe und Lieferketten? Und wo können erste Maßnahmen sichtbar Wirkung entfalten?
Der pragmatische Weg beginnt nicht mit der perfekten Biodiversitätsstrategie, sondern mit einem belastbaren Einstieg, wie wir es beispielsweise in unserem Leitartikel zum Biodiversitätscheck beschreiben haben.
Biodiversität muss nicht als zusätzliche Reportinglast verstanden werden. Richtig angegangen kann das Thema helfen, Genehmigungen zu erleichtern, Stakeholder-Vertrauen aufzubauen, Mitarbeitende zu aktivieren und Nachhaltigkeit im Unternehmen greifbarer zu machen.
Die wichtigste Botschaft bleibt deshalb: Nicht auf die perfekte Blaupause warten. Anfangen, lernen und schrittweise professionalisieren.
Quellen
- Hammerl, M., Scholz, M., Schulz, S., Lösing, L., Klute, L., & Hörmann, S. (2023). EMAS und BIODIVERSITÄT, Leitfaden 2023 – Schutz der biologischen Vielfalt im Rahmen von Umweltmanagementsystemen. (Bodensee-Stiftung & Global Nature Fund, Hrsg.)
- INULA. (2015). Biodiveritäts-Management in Kiesgruben und Steinbrüchen - Biodiversität in Abbaustätten (Bd. 5). (M. Rademacher, Hrsg.) Biodiversität & Ökologie, Fachhochschule Bingen.
- Rademacher, M., Tränkle, U., Hübner, F., Offenwanger, H., & Kaufmann., S. (2008). Förderung der biologischen Vielfalt in den Abbaustätten von HeidelbergCement (Langfassung). (HeidelbergCement, Hrsg.) 1.Auflage. SPANG. FISCHER. NATZSCHKA. GmbH. (2024). Biodiversitätsindikatoren für Gewinnungsstätten der Baustoff-Steine-Erden-Industrie. Wiesloch: Auftraggeber: Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e. V.
- IUCN. (2014a). Biodiversity managemement in the cement and aggregates sector: Biodiversity Indicator and Reporting System (BIRS). Gland, switzerland: IUCN.
- IUCN. (2014b). Biodiversity managemement in the cement and aggregates sector: Integrated Biodiversity Management System (IBMS). Gland, Switzerland: IUCN.
Prof. Rademacher begleitet Unternehmen entlang des gesamten Einstiegs in das Biodiversitätsmanagement – von der ersten Vor-Ort-Analyse bis hin zur Lösung komplexer Genehmigungssituationen. Bereits eine eintägige Begehung liefert eine fundierte Einschätzung der ökologischen Potenziale sowie konkrete Ansatzpunkte für sinnvolle Maßnahmen.
Darüber hinaus unterstützt er insbesondere in anspruchsvollen Projektsituationen, in denen Behörden, Unternehmen und Naturschutzakteure gemeinsame Lösungen entwickeln müssen. Seine langjährige Erfahrung aus zahlreichen Praxisprojekten sowie aktuelle Forschung fließen dabei direkt in die Zusammenarbeit ein.
Teil 1
- „Was ist für uns überhaupt relevant – und wo fangen wir an?“
Dein Ergebnis
Klarheit über Relevanz, Treiber und erste Handlungsfelder
Teil 2
entwickeln
- „Wie sieht ein sinnvolles Zielniveau für unser Unternehmen aus?“
Dein Ergebnis
Ein formuliertes Zielbild, das intern Orientierung schafft
Teil 3
- „Wie übersetzen wir unser Zielbild in konkrete Biodiversitätsziele?“
Dein Ergebnis
Konkrete, priorisierte und umsetzbare Biodiversitätsziele
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